Wer auch nur ein Mal mit Kindern oder Jugendlichen über ihre Geschichten spricht wird verstehen, wie schwer es für diese jungen Menschen ist, in ihr neues Leben hier in Deutschland einzutauchen. Da sind diese Erinnerungen an alte Zeiten. An Familienangehörige. Freunde. Die alte Schule. Die Heimat. An die Flucht und all die grausamen Dinge, die sie gesehen oder gefühlt haben!

Und gleichzeitig ist da dieser Druck. Druck von den Eltern, die selbstverständlich möchten, dass ihre Kinder schnell lernen und später einen guten Job in Deutschland finden. Druck von den Schulen, die die Kids und Teens so schnell wie möglich “integrieren” wollen. Druck von sich selbst, alles richtig machen zu wollen und teilweise ihren Eltern dolmetschend helfen zu müssen (Amtssprache oder Medizinsprache zu verstehen, die nicht einmal wir Alteingesessenen immer verstehen) – gleichzeitig aber ihre Wurzeln zu wahren und ihre heimatlichen Werte – ihr Sein – nicht zu verlieren.

In Deutschland wird die Sprache als Schlüssel zur Integration gewertet – es werden Deutsch- und Integrationskurse geboten. Freizeitangebote zur Vertiefung der Sprache und Kontaktaufnahme zu Menschen, die bereits in Deutschland leben und, und, und.

Integration bedeutet jedoch mehr als “nur” die Sprache zu erlernen und sich den “deutschen Gepflogenheiten” anzupassen. Integration bedeutet Freundschaften zu schließen, eingebunden zu werden. Verstanden zu werden!

Und das funktioniert nur dann, wenn gegenseitiger Respekt aufgebaut wird und wir alle auf Augenhöhe stehen, zuhören und verstehen. Wenn wir nicht versuchen, unsere eigene Vorstellung von Integration durchzuboxen, sondern erkennen, dass wir es mit jungen Erwachsenen zu tun haben, die bei Weitem schon mehr gesehen und erlebt haben als die meisten unserer Kinder (und als wir selbst). Wenn wir ihnen unterstützend zur Seite stehen, statt bevormundend “den richtigen Weg” zu weisen versuchen. Wenn wir ihnen ihren Spaß am Leben zurückgeben und ihnen zeigen, dass sie uns vertrauen können. Dann funktioniert Integration!

Das bedeutet jedoch auch, dass wir “unsere eigene Welt” ein Stück weit mit anderen Augen zu betrachten versuchen müssen – offen für andere Kulturen sind und vor allem auch akzeptieren, dass diese anderen Kulturen ggf. auch Wertvorstellungen aufweisen, die mit unseren eigenen Werten nur wenig kompatibel erscheinen.

Oft wird den Eltern (oder älteren Alleinstehenden) vorgeworfen, sich nicht gut genug zu integrieren – beispielsweise die Sprache zu lernen, Kontakte zu anderen Menschen in Deutschland zu knüpfen. Ihnen wird vorgeworfen, nur “unter Ihresgleichen” zu bleiben und dadurch eine Parallelgesellschaft aufbauen zu wollen (ganz gleich, ob bewusst oder unbewusst). Aber haben sich die Menschen, die diese Vorwürfe auf den Tisch legen, einmal Gedanken darüber gemacht, wie schwierig das ist? Wie schwierig es ist, Kontakte zu knüpfen, wenn “die Deutschen” in ihnen nur Hilfsbedürftige sehen, die an die Hand genommen werden müssen, statt eigenständige Menschen, die einfach nur Tipps und Hinweise benötigen? Wir haben es mit intelligenten Menschen zu tun, die aus ihrer Heimat fliehen mussten. Wir haben es mit Menschen zu tun, die ihre Jobs, ihre eigenen Welterfahrungen und all ihre Träume hinter sich gelassen haben, um ihr Leben zu retten. Um in Frieden zu leben.

Wie würden WIR handeln, wenn wir uns in einem fremden Land integrieren müssten? Würden wir nicht auch deutschsprachige Menschen suchen, um Infos, Kontakte und auch neue Freundschaften zu finden? Ich – ja!

Sind WIR Menschen, die auf jeden zugehen? Die einfach so ein Gespräch anfangen, auch dann, wenn wir die Sprache nicht richtig können? Ich – nicht!

Ich bin mir ziemlich sicher, dass auch ich mich nicht trauen würde, mir nichts dir nichts mit Muttersprachlern zu sprechen – aus Angst, ausgelacht zu werden, aber auch aus Angst, nicht oder falsch verstanden zu werden. Ich hätte auch Angst, etwas zu sagen, das meinem Gegenüber ein Stirnrunzeln entlockt. Wir müssen den Spieß gedanklich umdrehen um zu verstehen, was in den Menschen vorgehen könnte. Um wirklich zu wissen, was in den Menschen vorgeht, müssen wir reden – und zwar nicht über sie, sondern MIT IHNEN!

Und ja, wir haben es auch mit Menschen zu tun, die uns unsympathisch erscheinen – vielleicht sogar fordernd. Mit Menschen, die unsere Unterstützung als eine Pflicht unsererseits sehen und selbst nur wenige Versuche starten, Fuß zu fassen. Gibt es ebensolche Menschen nicht überall?

Ich habe in den letzten drei Jahren etliche Kinder, Jugendliche und Eltern kennengelernt, die mir teilweise nach und nach ihre Geschichten erzählten. Und ich habe beobachtet. Beobachtet, wie sich die kulturellen Unterschiede sichtbar machen. Beobachtet, wie sich die Jugendlichen zeigen – positiv wie auch in unseren Augen negativ. Dabei habe ich aber auch gelernt zu differenzieren – Verhalten nicht gleich als respektlos, untragbar oder unverständlich wahrzunehmen, sondern zu filtern.

Sowohl in der Schule als auch innerhalb des Projekts “FerienIntensivTraining FIT in Deutsch” habe ich Jugendliche kennengelernt, die zwischen zwei Welten leben und sich einfach nur verstanden fühlen wollen. Junge Menschen, die mit 10 Jahren bereits in der Fahrradwerkstatt oder auf dem Bau gearbeitet haben – die nur ein oder zwei Jahre die Schule besuchen konnten, weil der Krieg alles zerstörte. Menschen, die in Deutschland plötzlich in der siebten oder achten Klasse sitzen, weil sie vom Alter her dorthin gehören. Ich habe junge, motivierte Menschen kennengelernt, denen der wahrgenommene Misserfolg in der deutschen Schule jegliche Motivation nahm. Ein Junge erzählte mir von seiner Lehrerin. Eine eigentlich nette Frau, wie er sagt. Aber egal was er auch mache, sie wolle ihm einfach keine besseren Noten geben. Seine Wahrnehmung!

Ganz gleich, ob dem so ist oder ob er sich dort in Missverständnisse verrennt – für ihn ist es so. Auch in 15 Jahren wird es noch so sein. Doch dann ist er erwachsen und wird ständig dem gesellschaftlichen Druck ausgesetzt sein.

Wir besuchen mit unseren Fit-in-Deutsch-Teilnehmern ein arabisches Geschäft. Bevor ich auch nur ein Wort sagen kann, beginnen die Jugendlichen mit Übersetzungen, zeigen mir all die Lebensmittel, erläutern mir die Obstsorten. Sie zeigen sich stolz, den Spieß einmal umzudrehen und MIR nun einen Teil IHRER Welt zeigen zu können.
Euphorisch geht’s wieder raus – auf der Stufe zum Bürgersteig sagt ein syrischer Teilnehmer zu mir: “Guck’ mal – Syrien, Deutschland, Syrien, Deutschland”. Er hüpft die Stufe hoch und runter. “Merhaba. Hallo. Merhaba. Hallo!”
Erst später wird mir klar, welches Gefühl in gerade übermannt – dieses Gefühl tragen die Kids und Teens Tag für Tag mit sich herum.

Mein Fazit: Ganz gleich, wie sich die politisch und gesellschaftlich gewollte Situation für Geflüchtete gestalten wird – ich werde weiterhin genau das tun, was ich die letzten dreieinhalb Jahre getan habe. Für die Menschen. Für die Zukunft dieser Kids und Teens!