Papierschnipsl – Kolumne von Thora Meißner

„Menschen auf der Flucht“ heißt der Video-Kalender der Lions. Foto: Thora Meißner

Es ist schon ein beklemmendes Gefühl, den Menschen persönlich zu begegnen, die man zuvor lediglich auf Fotos in einer Kalendervorschau gesehen hat. Denn all diese Menschen verbindet ein Schicksal – sie alle sind vor Krieg und Leid geflohen. Aus Afghanistan. Und aktuell: Ukraine.

„Gesichter des Krieges“ titelte ich meinem WP-Bericht über den einzigartigen Video-Kalender und dessen Veröffentlichung. In voller Hoffnung, ein gewisses Aufsehen um dieses Werk auszulösen.

Ziel des zeitlosen Kalenders ist es, Aufmerksamkeit für die Schicksale von Menschen in Krisengebieten und auf der Flucht zu schaffen und Unterstützungsmaßnahmen zu finanzieren. Das Besondere an diesem zeitlosen Wandkalender ist, dass auf jeder Monatsseite Menschen zu sehen sind, die selbst fliehen mussten. Integriert ein kurzer Text zum Kennenlernen. Via QR-Code können dann die Geschichten dazu in einem Video angesehen werden. Die Projektidee stammt von den Lions Neheim-Hüsten, die ihrer Idee mit der Unterstützung zahlreicher ehrenamtlicher Helfer Leben einhauchten.

Träne verschlägt Sprache

Natalya Franz steht auf der Bühne, als ich den Saal im Kunstwerk Neheim betrete. Christoph Meinschäfer hat sie gerade hinaufgebeten – denn sie ist Teil des Frauenchors Chervona Kalyna aus Sundern. So farbenfroh ihr Haarschmuck auch aussehen mag, dahinter stecken herzergreifende Schicksale.

Hier finden Sie einen kurzen Ausschnitt des Frauenchors: https://www.wp.de/video/clips/singen-um-zu-vergessen-id236199453.html

Etwa 20 Frauen aus verschiedensten Regionen der Ukraine haben sich in Sundern zusammengetan, um zu vergessen und gegen ihre Angst anzusingen. Sie sind Teil des Video-Kalenders der Lions Neheim-Hüsten und sorgen heute mit ukrainischer Volksmusik für Gänsehaut.

Als Natalya Franz jedoch ein paar Worte an die vielen Gäste richten möchte, verliert es sie. Eine Träne rollt ihr über die Wange. Ihr verschlägt´s die Stimme. Keinen Mucks bekommt sie raus und verlässt die Bühne.

In diesem Moment senke ich meine Kamera. Plötzlich steht sie neben mir. „Alles in Ordnung?“, frage ich sie. Und sie antwortet natürlich: „Ja“. Was auch sonst sollte sie mir antworten? Erstens kennt sie mich nicht – zweitens hat sie soeben die Bühne verlassen, weil eben nicht alles in Ordnung ist. Der Krieg in der Ukraine zermürbt sie. Auch wenn sie selbst bereits seit 19 Jahren in Deutschland lebt, so geht es ihr offensichtlich sehr nah, was sich derzeit auf den Straßen und hinter den Gemäuern der Ukraine passiert.

Erinnerungen werden wach

Meine Gedanken schweifen. Es ist noch gar nicht so lange her, da habe ich selbst inmitten der Geflüchteten gestanden. In Soest – in der ZUE (einem riesigen Flüchtlingscamp). Mir fallen die unterschiedlichsten Geschichten ein, die dort meinen Weg gekreuzt haben. Kriegsleiden. Flucht vor Unmenschlichkeiten. Hass und Hetze.

Doch es sind nicht ausschließlich Ukrainer, um die sich meine Gedanken kreisen. Und ebenso nicht ausschließlich Urkainer im Video-Kalender. Auch drei junge afghanische Männer, die Teil der Cricket-Mannschaft „Arnsberg Löwen“ sind, sind Teil dieses Projekts.

Die August-Gesichter des Video-Kalenders. Mit Klick auf das Bild landen Sie auf dem Video-Statement der drei. Foto: Christoph Meinschäfer

Natürlich unterhalte ich mich an diesem Abend auch mit den jungen Männern. Ein wenig überrascht bin ich darüber, dass es noch immer nicht klar zu sein scheint, wie sich die Zukunft bezüglich des Bleiberechts in Deutschland entwickeln wird. Gab es da nicht damals diese tolle Koalitionsvereinbarung, in der ein Bleiberecht auf Probe ins Leben gerufen werden sollte!? Aber das ist eine andere Geschichte. Eine andere Thematik. Ein anderer (eigener) Kolumnenbeitrag.

Menschen auf der Flucht

Die Projektwebseite des Video-Kalenders „Menschen auf der Flucht“ inkl. Hintergrundinformationen und weiterführendes Videomaterial.

„Menschen auf der Flucht“ ist für mich ein Projekt, dass es mehr als verdient hat, deutschlandweit bekanntzuwerden.

Denn Menschen auf der Flucht haben in diesem Projekt Einblick in ihr Innerstes gegeben. In ihre Gefühlslage. Und sie haben Mut bewiesen, sich fotografieren zu lassen und diesem Kontext zu stellen. Ich ziehe meinen Hut – wenn dieser auch nur virtuell ist.

Der Video-Wandkalender unterstützt zudem die Arbeit für und mit Geflüchteten. Bildungs-, Teilhabe- oder auch Kennenlernprojekte.

Videokalender gibt „Menschen auf der Flucht“ eine Stimme (jetzt lesen auf wp.de)

Projekt wichtiger als gedacht

Das Video-Projekt ist wichtig. Sehr wichtig. Denn nur so können Menschen in und um Arnsberg erfahren und vor allem verstehen, warum es so viele Menschen nach Europa, Deutschland und auch ins beschauliche kleine Städtchen Arnsberg führt. Warum diese Menschen keinen Hass verdient haben. Selbiges werde ich mit dieser, meiner neuen Kolumne „Papierschnipsl“ hier versuchen.

An verschiedenen Verkaufsstellen im Arnsberger Umkreis kann der Video-Kalender für 10 Euro erworben werden. Weitere Infos unter: www.menschen-auf-der-flucht.com.