Zwischen Latte Macchiato und den Nachrichten

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Samstag. 10:30 Uhr. Entspannt sitze ich am Küchenfenster und genieße meinen morgendlichen Latte Macchiato. Nichts liegt heute an – keine Schule, kein zu erledigender Auftrag. Nichts, was ich heute unbedingt erledigen müsste. Das ist auch gut so. Meine Kids sind heute beide beschäftigt. Ich habe also echt mal Ruhe. Doch das ist nur die Ruhe vor dem Sturm …!

Noch während ich die letzten milchigen Tropfen aus meiner Tasse schlürfe, klingelt mein Handy. Wer sollte mich jetzt anrufen? Samstags? Vormittags? Es ist Marita – da gehe ich natürlich ran. Aufgeregt erzählt sie mir von einem afghanischen jungen Mann, der vom Bamf einen ablehnenden Bescheid erhalten und bereits Klage eingereicht hat. Jetzt möchte sein Rechtsanwalt Beweise für seine Fluchtgründe. Beweise dafür, dass er beim Interview die Wahrheit gesagt hat. Beweise in Form von Unterlagen, Zeugen oder eben Medienberichten. Marita und auch er selbst stehen völlig auf dem Schlauch. Wie soll er seine Geschichte beweisen?

Bereits vor einigen Wochen habe ich für eine Familie recherchiert. Medienberichte ausfindig gemacht. Namen und Orte nachgeforscht – so gut es mir gelingen konnte (… denn ich spreche kein Persisch und kann dementsprechend auch keine persische Schrift lesen)! Und dennoch – auch dort bin ich fündig geworden. Ob es reichen wird wissen wir erst, wenn das Gericht eine Entscheidung getroffen hat. Ich hatte Marita davon erzählt – und so bittet sie mich nun, auch seine Geschichte einmal nachzurecherchieren. Gern!

Minuten später sitze ich am Pc – mittlerweile mit meinem zweiten Latte Macchiato. Marita hat mir seine Handynummer geschickt … falls ich Rückfragen habe. Und die habe ich! Schließlich kenne ich seine Erzählungen nicht, ebenso wenig wie den ablehnenden Bescheid.

Nach einer kurzen Kommunikation via WhatsApp wird klar: Ich muss mich mit ihm und einem Dolmetscher treffen. Möglichst schnell.

Also warte ich, bis Töchterchen zum Kindergeburtstag ihres Klassenkameraden abdüst und sprinte mit meinem Saxo nach Arnsberg. Er wohnt in einer WG – sein Mitbewohner spricht bereits sehr gut Deutsch und wird übersetzen. Doch zunächst lasse ich mir bei einer Tasse Tee das Protokoll des Interviews sowie den ablehnenden Bescheid zeigen. Ich denke: Die Einzelfallprüfung dürfte in diesem Fall eher spärlich ausgefallen sein. Denn ich finde eindeutige Widersprüche zur Realität in der Begründung.

Es geht um seine Tätigkeit als Impfhelfer für Polio-Impfungen, um den Hass der Taliban auf diese Impfungen und die Gründe für seine Flucht. Er braucht Beweise für seinen Nebenjob als Impfhelfer, Beweise für die Bedrohung durch die Taliban und Beweise dafür, dass es für ihn gefährlich ist, nach Afghanistan zurückzukehren. Letztendlich möchte er natürlich auch irgendwann seine Frau und seine zwei Kinder nach Deutschland holen – denn auch für sie ist es in seinem Heimatort nicht mehr sicher!

“Wieso haben die Taliban etwas gegen die Polio-Impfungen?”, frage ich irritiert. Denn das scheint auch die Frage zu sein, die sich die Sachbearbeiterin beim Bamf gestellt hat. “Die Polio-Impfungen kommen vom Westen!”, antwortet er. “Alles, was vom Westen kommt, ist schlecht – in den Augen der Taliban. Sie sehen in Impfhelfern Helfer des Westens oder auch Spione des Westens”.

Noch lange unterhalte ich mich mit den beiden jungen Männern. Sie erzählen mir von ihren Erlebnissen. Und es klingt für mich glaubwürdig. Auch verwundert es mich nicht – ich habe in den letzten Monaten so viel über Afghanistan gelesen, so wundert mich bald nichts mehr.

Nach gut zwei Stunden fahre ich mit vollem Kopf nach Hause – auf der Fahrt denke ich die ganze Zeit darüber nach, wie ich nun an die erforderlichen Infos kommen soll.

Stundenlang wälze ich mich durch das Internet. Versuche Medienberichte zu finden, die den Hass der Taliban auf die Polio-Impfungen und damit seine berechtigte Angst vor einer Rückkehr bestätigen. Medienberichte, die auf Attentate gegenüber Impfhelfern hinweisen. Und ich finde sie! Medienberichte und Videos berichten von Dutzenden toten Impfhelfern – durch entsprechende Anschläge der Terrorgruppierungen.

Ich recherchiere Medienberichte aus 2015 – dem Jahr seiner Flucht. Und siehe da – auch hier finde ich ebensolche Nachrichten. In englischer wie auch deutscher Sprache. Ich speichere mir alle Links, mache mir Notizen und recherchiere einzelne Stichpunkte.

Mittlerweile ist es Abend – Töchterchen ist bereits zurück und ich habe Kopfschmerzen. Wir lassen den Tag jetzt gemeinsam ausklingen.

Der nächste Morgen – heute möchte ich alle meine recherchierten Infos zusammenfassen und Marita zusenden. In der Hoffnung, dass sie ihm in seinem Klageverfahren helfen.

Beim Schreiben stoße ich auf § 3 (1) 1 AsylG. Auf der Webseite des Bamf heißt es dazu:

Berücksichtigt wird grundsätzlich nur staatliche Verfolgung, also Verfolgung, die vom Staat ausgeht. Ausnahmen gelten, wenn die nichtstaatliche Verfolgung dem Staat zuzurechnen ist oder die nichtstaatliche Verfolgung selbst an die Stelle des Staates getreten ist (quasistaatliche Verfolgung).“

Ich recherchiere zur “quasistaatlichen Verfolgung” und bin der Ansicht, dass es genau dieser Punkt ist. Aber ich bin kein Rechtsanwalt – letztendlich muss dieser es bewerten. Und das Gericht muss entscheiden.

Werden die Recherchen reichen? Lässt sich das Verfahren dadurch in eine sichere Richtung lenken? Ich weiß es nicht! Was ich jedoch weiß ist, dass ich sofort wieder ein Wochenende recherchieren würde, wenn ich damit einem geflüchteten Menschen, der einen echt guten Grund zur Flucht hatte, helfen könnte.

Dieser Mensch hat Kindern in Afghanistan mit Polio-Impfungen geholfen – jetzt war es an der Zeit ihm zu helfen!

Wenn es auch nur ein Tropfen auf dem heißen Stein ist …

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Deutsche Sprache, schwere Sprache …

  1. Marita Gerwin

    Liebe Thora. Ich danke Dir von Herzen, dass Du einmal aus Deiner ganz persönlichen Sicht die Dinge geschildert hast, die sich tagtäglich so oder so ähnlich in unseren Patenschaften für geflüchtete Menschen abspielen.

    Hier zeigt sich deutlich: „Menschen stärken Menschen“.

    Der junge Mann hat in seiner Heimat Afghanistan, auf dem Land, in den Dörfern mitgewirkt, die Polio-Impfungen für Kinder flächendeckend einzuführen. Er wurde dafür verfolgt. Musste fliehen und lebt nun in unserer Stadt. Du hast Recht: „Jetzt ist es an der Zeit IHM zu helfen!“

    Wir alle wünschen uns sehr, dass es KEIN Tropfen auf dem heißen Stein ist, sondern auf offene Ohren und weite Herzen stößt. Danke, dass Du Teil in unserem #BaS-Patenschaftsnetzwerkes bist. Weiter so! Das macht Mut.

  2. Marlies Renk

    Hochachtung vor Menschen, die soviel Zeit und Mühe walten lassen, um anderen zu helfen, die es dringend nötig haben. Mögen sie Beispiel für andere sein. Und vor allem, möge sie nie der Mut und die Energie verlassen, wenn sie auf Ignoranz und Hartherzigkeit stoßen. Dazu Gottes Segen.

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