Für die Demokratie entschieden und schon ist er da – der Albtraum, der einen nicht mehr loslässt und die gesamte Familie in ein Dilemma führt. So geschehen in meinem Traum.

Ich lebe gemeinsam mit meinem Mann und meinen zwei Kindern in einem Land, dass sich auf eine Demokratie beruft, jedoch Korruption und Machtspiele bevorzugt. Schon in wenigen Tagen findet eine wichtige Wahl statt. Ich kenne mich damit nicht aus, erziehe meine Kinder dennoch demokratisch und versuche, ihnen Offenheit, Fairness und Gleichberechtigung vorzuleben. Mein Mann ist da schon eher der Typ, der sich auch direkt politisch engagiert. Natürlich immer neben seinem Job, denn schließlich muss er mich und meine Kinder versorgen – versteht sich von selbst.

Mein Traum beginnt in einem Moment, in dem drei fremde Männer unser Haus stürmen, jeden Raum verwüsten und gezielt nach meinem Mann zu suchen scheinen. Was wollen diese Männer von ihm? Keine Ahnung! Immer wieder schreit einer der Männer mich an: “Wo ist er? Wir werden uns rächen!” Meine Kinder haben sich mittlerweile versteckt. Haben Angst. Genauso wie ich. Wovon reden diese Männer? Was werden sie rächen?

Ich habe meinen Mann jetzt seit Tagen nicht gesehen, er versteckt sich bei Freunden. Die wichtige Wahl ist schlecht ausgefallen. Ein Anderer hat gewonnen. Am Telefon erzählt mir mein Mann, dass auch er bedroht wurde und wird. Er sollte für sie kämpfen – nicht für seinen Favoriten. Sie würden sich rächen, sollte er sich ihnen weiterhin in den Weg stellen. Unsere Kinder leiden unter dieser Situation, bekommen eh schon trotz Fleiß in der Schule schlechte Noten. Sie haben sonst immer gute Noten gehabt.

Ich kann nicht mehr – mache mir Sorgen um meinen Mann und habe Angst, dass die Typen wieder hier auftauchen. Was erzähle ich bloß meinen Kindern?

Mein Mann hat sich entschieden – wir werden fliehen, unser Land verlassen. Es geht nicht anders. Schon wenige Tage später geht es los. Mein Mann hat all seine Ersparnisse in die Flucht investiert. 13.200 Euro kostet uns die Reise ins Ungewisse. Wir haben keine andere Chance, wenn wir unsere Leben und die unserer Kinder retten wollen.

Mit dem Flugzeug geht es in ein Transitland, von da aus direkt weiter in ein vermeintlich sicheres Land. Doch dort will man uns offensichtlich nicht wirklich, wir werden nach wenigen Tagen in einen Kleinbus gesetzt und weiter geschickt. Ok – unser Zielland ist ein demokratisches Land. Das ist schon einmal gut. Da wird man uns bestimmt helfen.

Dort angekommen, landen wir kurzerhand in einer zentralen Unterbringung. Eine große Unterkunft mit vielen, vielen Menschen. Meine Kinder und ich haben Angst! Mein Mann scheint zuversichtlich, aber auch ihm ist die quälende Ungewissheit anzusehen. Wir hatten ein schönes Leben in unserer Heimat. Mein Mann hat durchschnittlich gut verdient, viel gearbeitet und sich politisch engagiert. Mich hat es nicht gestört, dass er so viel unterwegs war. Auch, wenn wir im Alltag immer mehr zu kämpfen hatten, weil mein Mann sich -deren Meinung nach- für den falschen Politiker entschieden hatte. Dennoch – wir brauchten uns keine Sorgen um unsere Existenz machen. Bis zu diesem Wahlkampf!

Jetzt sieht es anders aus. Wir wissen nicht, was auf uns zukommen wird. Keine Ahnung, ob wir bleiben dürfen. Aber es ist doch eine Demokratie? Die Menschen sind offen und hilfsbereit. Warum sollte man uns nicht helfen können? Ich bekomme Kopfschmerzen, kann nicht mehr schlafen. All meine Gedanken drehen sich um meine Kinder. Was ist, wenn…? Mein Mann versucht stark zu sein – für uns. Immer wieder beruhigt er mich: “Keine Angst, wir werden es schon schaffen.”

Alles geht schnell. Wir stellen unseren Asylantrag, bekommen schon wenige Wochen später die Möglichkeit, im Interview unsere Geschichte zu erzählen. Und das tun wir. Wir berichten über die Vorkommnisse in unserer Wohnung, sein politisches Engagement, die Männer, die meinen Mann und uns bedrohten und über die Flucht. Wir lassen nichts aus, nennen alle bekannten Namen und auch auf die Nachfragen des Interviewers antworten wir – so gut wir können. Jetzt wird man uns bestimmt helfen. Wir sind erleichtert, endlich alles erzählt zu haben.

Drei Monate dauert es, bis wir erfahren, dass wir nicht in diesem Land bleiben dürfen. Wir sollen dahin zurückkehren, wo man uns nicht wollte und nach wenigen Tagen in einen Kleinbus hierher setzte. Warum? Wir legen ein Rechtsmittel ein, hoffen auf Gehör. Und wir warten, Woche für Woche.

Plötzlich heißt es, dass wir in eine andere Stadt ziehen sollen. Wir werden einem anderen Kreis zugewiesen. Heißt das jetzt, dass wir doch in diesem Land bleiben dürfen? Wir packen unsere wenigen Sachen und werden mit anderen Menschen zusammen in die neue Stadt gebracht. Auch hier leben wir wieder in einer Unterkunft. Es ist nachts immer sehr laut. Wir haben ein Zimmer, aber hören alles, was um uns herum passiert.

Unsere Kinder werden aufgefordert, zur Schule zu gehen. Endlich. Wir haben die Chance, die Sprache zu lernen. Zuerst unsere Kinder. Es ist toll. Endlich sehen unsere Kinder etwas anderes als die Unterkunft und vielleicht, ja, vielleicht finden sie sogar Freunde. Unser Großer lernt die neue Sprache schon sehr gut. Sie ist echt schwer, aber er gibt sich Tag für Tag Mühe. Wir sind so stolz.

Ein paar Wochen später die tolle Nachricht – wir dürfen in eine eigene Wohnung einziehen. Raus aus der Unterkunft. Wir sind glücklich. Endlich können wir im neuen Land ankommen und uns ein neues Leben aufbauen. Mein Mann freut sich, bald vielleicht Arbeit zu haben. Ich kann endlich in einer eigenen Küche für meine Familie kochen. Wir haben gute Kontakte zu den Schulen unserer Kinder. Alles läuft gut. Jetzt können auch wir einen Sprachkurs besuchen und endlich die Sprache lernen. Das ist wichtig für uns. Wir wollen schließlich hier leben. Beim Umzug haben wir Hilfe von Menschen aus der Stadt – allein hätten wir das nicht geschafft.

Nur knapp drei Wochen später die Ernüchterung. Wir werden zu einem wichtigen Termin geladen, erfahren dort, dass wir schon in wenigen Tagen mit gepackten Koffern vor dem Haus stehen sollen, wo sich unsere Wohnung befindet. Nachts. Wieso nachts? Ich weiß es nicht. Es wird uns erklärt, dass wir dann mit einem Kleinbus zum Flughafen gebracht werden, um von dort aus in das Land zu reisen, das uns nicht wollte. Was sollen wir da? Was erwartet uns da? Wieso jetzt, wo wir doch gerade erst in eine eigene Wohnung gezogen sind und unsere Kinder hier zur Schule gehen? Wir haben wieder Angst. Sehr viel Angst! Wie sollen wir unseren Kindern erklären, dass wir nun wieder weg müssen? Jetzt, wo sie sich hier eingelebt haben und sicher fühlen? Und was, wenn das Land, das uns eh nicht wollte, uns zurück in unsere Heimat schickt? Dort sind diese Männer – die, die nur darauf warten, meinem Mann und meiner Familie zu schaden. Sie werden uns töten. Ich kann nicht mehr schlafen – und wenn ich es mal schaffe, mich in den Schlaf zu weinen, sehe ich die Männer, die unsere Wohnung verwüsten. Nacht für Nacht. Sie drohen mir, sie sehen böse aus. Und was ist mit unseren Kindern? Was wird mit ihnen passieren?

Unsere Freunde in der Stadt erzählen uns, dass es in solchen Verfahren (Überstellung in das Land, wo wir zuerst registriert wurden) eine Frist gibt. Sechs Monate soll diese laufen. Seit der Erklärung der Zuständigkeit des Landes sind jedoch schon mehr als sieben Monate vergangen. Haben wir jetzt eine Chance, hier bleiben zu dürfen? Die beiden Frauen setzen sich für uns ein – wir sind froh, dass wir jemanden haben, der sowohl die Sprache wie auch das Verständnis beherrscht, um uns – soweit es möglich ist – zu helfen.

Es beginnt eine Diskussion über den Beginn und Ablauf der Überstellungsfrist. Daran hängt also nun unser Schicksal? Das Schicksal unserer Kinder? An einem Datum? Es ist uns unerklärlich. Tag für Tag warten wir auf gute Nachrichten. Die Stunden verfliegen. Jede Sekunde bringt uns der ungewissen Zukunft näher – ins nächste Land, ins nächste Asylheim. In die nächste Perspektivlosigkeit!

Völlig geschockt wache ich auf – ich liege in meinem Bett, inmitten unserer sicheren Wohnung. Mein Mann und meine Kinder schlafen friedlich. Glück gehabt – alles nur ein Traum. Ein echter Albtraum.

Jedoch nur für mich! Denn genau dies ist einem unserer Schüler und seiner Familie passiert.

Unser Schüler, seine Mutter, sein Vater und sein kleiner Bruder warten auf ihre Überstellung in ein Land, das sich offenkundig gegen Flüchtlinge stellt. Ein Land, dass diese Menschen nicht will.

Sie warten auf ihre Überstellung, obwohl sie sich hier wunderbar integrieren und die Überstellungsfrist abgelaufen ist. Und selbst dann, wenn die Frist entgegen etwaiger Rechtsprechungen noch nicht abgelaufen wäre, nur noch zwei Wochen liefe. Und wir sollen einfach zuschauen?

Wir kämpfen für diese Familie, die in Arnsberg lebt und triftige Gründe für ihre Flucht hat – und hoffen, dass diese Geschichte wachrüttelt, Aufklärung bringt und Entscheidungen (auch in ähnlichen Fällen) prägt.

Die politische Einstellung in Deutschland hat sich geändert – aber auch die Einstellung zur Menschlichkeit?