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Claudia und Klaus Brozio:

Seit etwa 25 Jahren arbeite ich beruflich und ehrenamtlich mit Migranten, Spätaussiedlern, Flüchtlingen. Das sind die Oberbegriffe für Einzelschicksale. Gemeint sind Menschen, die aus unterschiedlichen Gründen nach Deutschland gekommen sind.

Bis ich begonnen habe mit afghanischen Menschen zu arbeiten, war der Tenor, dass Menschen als Einzelpersonen oder mit ihren Familien ihr Herkunftsland verlassen haben. Auch da gab es teilweise massive Schwierigkeiten. Beispiele aus eigener Erfahrung:

  • Das Familienoberhaupt fühlt sich den Anforderungen in Deutschland nicht gewachsen und tritt einer Glaubensgemeinschaft bei, die Gewalt unter Ehepartnern und als Mittel der Erziehung akzeptiert.
  • Nicht alle Familienmitglieder haben der Umsiedlung zugestimmt, aber die Mehrheit hat entschieden. Der Familienzusammenhalt bewirkt, dass auch Menschen nach Deutschland kommen, die hier eigentlich nicht sein wollen.
  • Nach der Flucht treffen Ethnien in Deutschland aufeinander, die im Herkunftsland miteinander verfeindet waren.

In Teilen finden sich die Themen religiöser Desorientierung, Gewalt in Familien, fehlender Integrationswille und „mitgebrachte Konflikte“ auch in der Arbeit mit afghanischen Flüchtlingen.

Die afghanischen Flüchtlinge, die ich kenne, sind geprägt von mittelbarem und unmittelbarem Erleben von Gewalt und Unterdrückung in ihrem Herkunftsland. Vor diesem Hintergrund muss das Ankommen in Deutschland in den Blick genommen werden.

Aber es kommt noch eine neue Variante hinzu: Angst.

Es hat etwas gedauert, bis ich verstanden habe, dass Angst für viele Geflüchtete aus Afghanistan ein großes Thema ist.

Angst hat hier durchaus verschiedene Facetten.

Zum einen geht es um die Erwartungshaltung des noch in Afghanistan lebenden Clans. Es wird erwartet, dass die Geflüchteten erfolgreich sind. Das betrifft die Erwartung an soziale Integration, Berufstätigkeit und trotzdem dem Verbleiben in den Werten der kulturellen Herkunft. Diese Werte sind überwiegend absolut hierarchisch, religiös geprägt und nur ansatzweise demokratisch. Allein diese Tatsache bringt die Flüchtlinge in einen permanenten Spagat zwischen Werten. Sich den Wertvorstellungen Deutschlands anzunähern gelingt nur, wenn sie begleitet werden und ihnen die Chance für Anbindung geschaffen werden kann. Es ist nicht möglich, dass sich jemand in Deutschland integriert, der nach den Werten seines Herkunftslandes als nicht erfolgreich gilt.

Eine besondere Bedeutung haben hierbei soziale Medien. Alle Flüchtlinge aus Afghanistan, die ich kenne, sind auf Facebook und in anderen sozialen Medien unterwegs. Sicherlich ist das eine gute Möglichkeit, mit der Familie im Herkunftsland in Kontakt zu bleiben. Aber die Flüchtlinge gehen zum Teil sehr offen mit ihren Daten um. Alle möglichen Fotos und Filme werden gepostet, geliked und hinterlassen so eine Spur im Netz, die von allen möglichen Personen nachvollzogen werden kann.

Sich über Medien zu orientieren war für viele Geflüchtete eine Chance, an wichtige Informationen für die Flucht zu kommen. Beim Ankommen in Deutschland wurde viel über die veränderte Situation „nach Hause“ berichtet. Alles das ist nachvollziehbar.

Doch ergibt sich jetzt eine neue Komponente. Auch andere Menschen können diese Nachrichten lesen und bewerten sie aus ihrem jeweiligen Kontext. Im Fall afghanischer Flüchtlinge heißt das, dass sie nie gelernt haben, selektiv Informationen von sich ins Netz zu stellen. Bis zu einem bestimmten Grad scheint das (z.B. von den Taliban) toleriert zu werden. Schließlich sind die Flüchtlinge auf einem anderen Kontinent. Wenn aber dadurch dezidierte Äußerungen über ihr Herkommen, ihre Fluchtgründe und interne Strukturen von Unterdrückung veröffentlicht werden, werden diese Aussagen anders bewertet.

Die afghanischen Flüchtlinge fürchten, dass entsprechende Äußerungen den Taliban oder ähnlichen radikal denkenden Gruppen und Personen zur Kenntnis kommen. Damit einher geht die Sorge und von ihnen konkret benannte Angst, dass es Sippenhaftung für das Verhalten einzelner Personen gibt. Und das heißt dann konkret, dass sie fürchten, dass Familienmitglieder in Afghanistan Verfolgung, körperlichen und psychischen Repressalien oder gar Mord ausgesetzt sind, wenn sie über Afghanistan berichten.

Einzelaussagen in sozialen Medien scheinen toleriert zu werden. Aber das Internet ist offen und alle Aussagen in Arnsberg (Deutschland, Europa) können Repressalien für Familienmitglieder in Afghanistan nach sich ziehen.

Es lässt sich auch nicht klären, ob es nicht möglicherweise um Machtstrukturen innerhalb von Clans oder ethnischen Gruppen geht.

Als Folge zeigt sich aber, dass wir als Paten das Verständnis unserer Schützlinge von Loyalität und Autorität hinterfragen müssen. Wir können nicht von einem demokratischen Grundverständnis ausgehen. Auch hier in Deutschland sind oftmals Familienzusammenhänge und Clanzugehörigkeiten als Grundlage für Ausrichtung wichtiger als unsere freiheitlich demokratische Grundordnung.

In dem Zusammenhang kommt uns als Paten eine fundamentale Aufgabe zu: wir müssen die geflüchteten Menschen in unserer Gesellschaft verankern.  Ich glaube, dass wir diese Verantwortung noch gar nicht ermessen können. Afghanische Menschen kommen aus einer Gesellschaftsform, die eher mittelalterlich ist. Es gibt kein tradiert demokratisches Gesellschaftsverständnis.

Wir müssen uns fragen, was die weggebrochenen Identifikationsaspekte füllen wird. Wenn wir als „Deutschland“ keine Angebote für Integration machen, werden andere „Interessierte“ diese Lücken füllen. Der kann im schlimmsten Fall der Beginn einer Radikalisierung sein.

Es muss um Integration und nicht um Assimilation gehen. Welche Chancen bietet Deutschland für Integration?  Wie können wir als Paten diese Chancen zur Integration als Paten für geflüchtete Menschen aus Afghanistan erschließen?

Claudia und Klaus Brozio, Arnsberg  - BaS Patenschaften  – Projekt  „ Alt für Jung- Seniorenbüros  unterstützen Geflüchtete“ im Kontext des Bundesprogramms „Menschen stärken Menschen“