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Seit Februar 2016 bin ich nun in der Agnes-Wenke-Sekundarschule aktiv und unterstütze mit ihren Familien geflohene Kinder und Jugendliche beim Lernen der deutschen Sprache. Knapp 14 Monate, in denen nicht nur die Kids und Teens einiges gelernt haben, sondern auch meinereiner. Allerdings werde ich niemals vergessen, wie chaotisch die Anfänge waren. Diese Geschichte soll daran erinnern:

„Majnun!“, schallt es durch den Klassenraum. Im selben Moment treffen sich die Blicke von Mina und Nadim, die nur Sekunden später in eine hitzige Diskussion eintauchen. Natürlich verstehe ich kein Wort – sie sprechen schließlich Arabisch. Beide gleichzeitig mit heftig wirbelnden Handbewegungen.

Die Mimik in den Gesichtern lässt jedoch darauf schließen, dass es sich nicht um einen ernstzunehmenden Konflikt (… ich mag dieses Wort gar nicht, aber es gehört offensichtlich zum Schulalltag wie der Punkt zum i …) handelt. „Was heißt „Majnun?“, frage ich, um die auf Mina und Nadim gerichteten, gebannten Augen der anderen Schüler wieder in meine Richtung zu lenken. „Was heißt >Majnun< auf Deutsch?“

„Verruckt. Nadim verruckt“, erklärt mir Yara grinsend, während sie ihre Hand vor dem Gesicht hin und her schwingt. „Verrückt“, korrigiere ich mit Betonung auf das Ü – schließlich ist ihnen dieses noch fremd.

Yara ist eine der älteren Schülerinnen, die nicht nur bereits ein wenig Deutsch sprechen, sondern auch schreiben können. Sie sind wissbegierig und schnell – aber auch pubertierend und schönheitsverliebt. Alle Nase lang kommt das kleine Spieglein hervor, um ihnen zu sagen, ob die Haare sitzen und das Make-up stimmt. Schnell wird die Frisur in die richtige Pose gezwirbelt, die wie Augenringe aussehenden durch Wimperntusche verschmierten schwarzen Partien entfernt und der Glanz des Mundes korrigiert. Und da ist es völlig egal, dass wir gerade versuchen, Schulutensilien in der deutschen Sprache kennenzulernen. Schönheit ist eben wichtiger. Und ehe ich mich versehe, hält die Erste bereits ihr Smartphone in der Hand, um ihr frisches Styling in gewohnter Manier via Selfie zu verewigen. Innerhalb von Sekunden bildet sich der berühmte Kussmund, bevor der Kopf ein wenig zur Seite gesenkt, eine Haarsträhne ins Gesicht gestupst und der Auslöser der Handykamera ausgelöst wird. Knips – fertig. „Handy bitte weg.“, versuche ich sie kurz und knapp zu animieren, das Handy wegzupacken. Denn Handys sind an der Schule verboten. An das verschämte Grinsen habe ich mich bereits gewöhnt, ebenso wie an den sogenannten Dackelblick, der ihnen in die Wiege gelegt wurde.

Läuft. Regel befolgt, denke ich und versuche mich wieder dem eigentlichen Thema zu widmen, als ich auf einmal den Nächsten mit dem kleinen Spieglein in der Hand erwische. Scheinbar hat es urplötzlich den Besitzer gewechselt – und das Geschlecht. Denn auch Samir möchte wissen, ob seine Gelfrisur noch den richtigen Schwung hat. Hat sie – aber das scheint er anders zu sehen. Wie wild zupft er an seinen Haaren herum, um sie in Szene zu setzen. Er ist der erste Junge, der keinen Scham dabei zu verspüren scheint, mit einem pinken Spieglein in der Hand gesehen zu werden. „Du siehst super aus!“, versuche ich ihm klarzumachen, damit auch er wieder am Unterricht teilnehmen kann. Er sieht mich kurz an, grinst, zupft schnell noch seine Stirnfransen zurecht und wirft den Handspiegel kurzerhand quer durch die Klasse zurück. Na, wenigstens lässt er sein Handy in der Tasche, schwirrt mir durch den Kopf.

„Verrückt! Ah, ok“, wiederhole ich und wende mich wieder der immer noch wild gestikulierenden Mina zu. Sie scheint die zwischenzeitlich erfolgte Übersetzung gar nicht mitbekommen zu haben, ebenso wenig wie ihr Kontrahent Nadim. Immer noch weiß ich nicht, worüber die beiden eigentlich diskutieren. Aber mittlerweile haben sie auch die anderen Schüler angesteckt – jetzt diskutieren alle mit. Ein riesiges Durcheinander entsteht. Alle quatschen (… natürlich auf Arabisch) – und ich mittendrin! Wie kann ich diesen Wirrwarr stoppen? Umdenken und den geplanten Unterrichtsstoff beiseitelegen! Und so versuche ich die Situation aufzulösen, indem ich improvisiere. „Wer schreibt >Majnun< an die Tafel?“, frage ich in die Runde und untermale dies mit dem auf die Tafel zeigenden Tafelstift in meiner Hand. Sofort springen drei der Schüler von ihrem Stuhl hoch, bauen sich vor mir auf und rufen: „Ich, ich!“ Ich gebe Abbas den Tafelstift, denn er steht am ruhigsten vor mir – auch wenn alle drei Schüler wieder vergessen haben, ihren Finger zu heben. „Arabic?“, fragt er mich mit großen Augen. „Ja, auf Arabisch.“ Mit einem breiten Grinsen schreibt er >مجنون< an die Tafel. Mein Vertrauen den Kindern und Jugendlichen gegenüber lässt mich nicht zweifeln, dass es sich bei diesem Schriftzug wirklich um das arabische Wort für >verrückt< handelt.

Als ich mich wieder der Klasse zudrehe, sehe ich fünf Zeigefinger, die wild zappelnd nach oben zeigen. Offensichtlich habe ich einen Nerv getroffen. „Crazy – English“, höre ich unsere sprachbegabte Leyla sagen, während sie auf die Tafel zeigt. Ok, gehen wir die bekannten Sprachen einmal durch, denke ich und drücke ihr den Tafelstift in die Hand.

Inzwischen ist auch Junis in der Klasse eingetroffen – die Stunde hat ja auch erst vor 20 Minuten begonnen. Aber mit Pünktlichkeit haben es die Schüler noch nicht so. Sie scheinen Gleitzeit vorzuziehen. Nicht aufregen, wir stehen ganz am Anfang, denke ich mir und setze ein freundliches Gesicht auf. Es ist für sie offensichtlich neu, dass sie morgens um 8.40 Uhr pünktlich in der Schule sein müssen – daher begrüße ich ihn trotz seiner Unpünktlichkeit mit einem Lächeln und rege an, doch einfach 20 Minuten eher aufzustehen. Junis versteht mich schon sehr gut – denn er ist ebenfalls einer derjenigen, die bereits ein wenig Deutsch sprechen. Gelernt Zuhause von der eigenen Mutter, die bereits ganz gut Deutsch spricht. Nickend und grinsend schlurft er zu seinem Platz, legt seine Tasche ab und schaut an die Tafel. Auch er möchte seine Sprachgewandtheit unter Beweis stellen und nennt mir schnurstracks die französische Übersetzung: „Fou!“ Es folgen die kurdische, persische und albanische Übersetzung.

Inzwischen sind auch Mina und Nadim wieder bei uns – die multikulturellen Übersetzungen scheinen wohl doch interessanter zu sein als die Diskussion, die sie zu führen versuchten. Es hat funktioniert. Verrückt!

Ich sehe meine Chance, endlich mit dem eigentlich angedachten DaZ-Material zu starten. Doch was ist das – ist es echt schon 9.15 Uhr? Oh Mann, in 10 Minuten ist Pause. Es lohnt nicht wirklich, jetzt noch mit einem Arbeitsblatt zu beginnen. Also improvisiere ich auch in diesen letzten 10 Minuten. Bleiben wir beim Thema <verrückt> – und so gebe ich Nadim, der eben noch in einer verrückten Diskussion mit Mina steckte, den Auftrag, einen entsprechenden Satz an die Tafel zu schreiben. Entgegen meiner Vermutung schreibt er: Nadim ist verrückt. Super, Einsicht ist der beste Weg zur Besserung – ups, sag das jetzt bloß nicht laut!

Aber mal im Ernst: In unserer DaZ-Klasse ist wirklich niemand verrückt. Ganz im Gegenteil. Die Klasse ist wissbegierig, schnell und eigentlich auch sehr freundlich – aber eben auch jugendlich und facettenreich. Schließlich sind die Schüler im Alter von elf bis sechszehn Jahren – neunzehn Kinder und Jugendliche, die allesamt seit rund eineinhalb Jahren in Deutschland sind und jetzt seit gut einem Jahr in die Schule gehen können.

Verrückt ist wohl eher, dass ich nun hier stehe und ihnen an der Seite von Susanne Stegmann die deutsche Sprache näherbringe. Freie Journalistin, Online-Redakteurin und nun eben auch DaZ-Lehrkraft an der AWS in Neheim.

Ehrlich: Wäre ich nicht so verrückt gewesen, mich auf diese Stelle zu bewerben und Hals über Kopf in ein entsprechendes Online-Studium des Goethe-Instituts zu werfen, würde ich jetzt nicht in den Genuss kommen, Kindern und Jugendlichen aus Syrien, dem Irak, Afghanistan und Co. dabei zu helfen, einen guten Abschluss aufs Parkett zu legen. Denn wir wissen ja alle:

Sprache ist der Schlüssel zum Erfolg! So schwer es auch sein mag …

(Namen geändert …)